In aller Kürze

Seit geraumer Zeit wächst in Deutschland ein vielfältiges Angebot an Nachbarschaftsplattformen und sozialen Medien mit lokalem Bezug. Sie verfolgen das Ziel, Austausch und Interaktion unter Nachbarn zu vereinfachen und, besonders in Großstädten, die Anonymität zu verringern. Während jüngst verschiedene Medien über die digitalen Nachbarschaftsplattformen berichteten, gibt es bislang kaum wissenschaftliche Untersuchungen dazu, wer diese Plattformen nutzt und wie sie auf das Zusammenleben in Quartieren wirken.

Das Forschungsprojekt „Vernetzte Nachbarn: Ziele und Vorgehensweise

Das vom Bundesverband für Stadtentwicklung und Wohnen (vhw) in Auftrag gegebene  Forschungsprojekt „Vernetzte Nachbarn“ konnte dazu beitragen, diese Wissenslücke schließen. In den vergangenen 16 Monaten untersuchten die unabhängige Denkfabrik adelphi und die Beteiligungsagentur Zebralog die Landschaft digitaler Plattformen mit Nachbarschaftsbezug in Deutschland und deren Wirkung auf das soziale Zusammenleben in Quartieren. Im Mittelpunkt der Untersuchung standen dabei drei zentrale Leitfragen:

  • Wer nutzt digitale Plattformen und mit welcher Motivation?
  • Wie tragen sie zu Gemeinschaftsbildung und sozialem Zusammenhalt in Quartieren bei?
  • Und wie wirken digitale Plattformen auf die politische Debattenkultur und Engagement? 

Um vertiefende Kenntnisse über das Phänomen der digital vernetzten Nachbarschaften zu gewinnen, setzte das Forschungsteam verschiedene sozialwissenschaftliche Methoden ein. Zu Beginn wurde neben einer bundesweiten Bestandsaufnahme digitaler Nachbarschaftsplattformen auch eine online-Befragung von Plattformbetreibern und -Nutzern durchgeführt. Darauf aufbauend wurden vier Quartiere in Deutschland für vertiefende Fallstudien ausgewählt: Die beiden großstädtischen Stadtteile Berlin-Wedding und München-Neuperlach sowie der Ortsteil Paderborn-Elsen in Ostwestfalen und die Kleinstadt Meißen in Sachsen. Hier führte das Forschungsteam insgesamt 80 qualitative Interviews mit Experten und Nutzern digitaler Plattformen durch. Diese wurden ergänzt durch teilnehmende Beobachtungen im digitalen Raum und bei Veranstaltungen vor Ort. Die Ergebnisse dieser Fallstudien wurden im Rahmen eines Expertenworkshops (PDF zum Herunterladen) und eines Online-Dialogs reflektiert und vertieft.

Zentrale Erkenntnisse für das Projekt waren:

Landschaft digitaler Plattformen: Welche Plattformen gibt es und wo werden sie genutzt?

In Deutschland besteht ein vielfältiges und sich beständig wandelndes Angebot an nachbarschaftsbezogenen digitalen Plattformen und sozialen Medien. Es reicht von ehrenamtlich geführten Stadtteilblogs über lokale Diskussionsgruppen in sozialen Medien (z. B. Facebook) bis hin zu professionellen, bundesweiten Plattformen (z.B. nebenan.de). Manche Plattformen und Blogs setzen auch auf „hyperlokalen“ Journalismus und Geschichten aus dem lokalen Leben.

Zwischen digitalen Nachbarschaftsplattformen herrscht großer Konkurrenzdruck: Allein im ersten Halbjahr 2017 stellten mehrere Nachbarschaftsplattformen ihren Betrieb ein, weil sie sich nicht mehr finanzieren konnten. Es gilt daher zu hinterfragen, wie eine nachhaltige Finanzierung und Bereitstellung dieser Plattformen gewährleistet werden kann und welche Risiken der unternehmerische Ansatz von Plattformen birgt, etwa im Fall eines Verkaufs an Konkurrenten. 

Nachbarschaftsplattformen erfreuen sich in Quartieren mit unterschiedlicher Bevölkerungsstruktur an Beliebtheit. Die untersuchten Nachbarschaften weisen hinsichtlich ihrer Bevölkerungs- und Sozialstruktur, Lage in der Stadt und politischer Orientierungen eine große Bandbreite auf.

Bislang ist die Nutzung digitaler Nachbarschaftsplattformen vorwiegend ein großstädtisches Phänomen, allerdings werden digitale Plattformen vermehrt auch in eher ländlich geprägten Regionen und Kleinstädten erprobt. Plattformen wie „Lokalportal“ wollen mithilfe von bedarfsorientierter Informationsbündelung die Vernetzung zwischen zahlreichen lokalen Akteuren, darunter Nachbarn, Vereine, Vertreter aus Politik und Verwaltung sowie Lokalredaktionen gezielt stärken und somit die Lebensqualität in infrastrukturschwachen Regionen verbessern.

Nutzertypen: Wer nutzt digitale Plattformen und warum?

Auch wenn die erhobenen Daten nicht repräsentativ sind, ist auffällig, dass der Altersdurchschnitt der befragten Nutzer von Nachbarschaftsplattformen mit Mitte 40 deutlich über anderen sozialen Medien liegt. Personen unter 25 und Senioren über 70 sind auf den digitalen Plattformen kaum vertreten.

Besonders in Großstädten greifen Personen, die neue Kontakte in ihrer Wohnumgebung knüpfen möchten, auf Nachbarschaftsplattformen zurück. Darunter sind viele Alleinstehende und Zugezogene, aber auch Menschen, die weniger mobil sind, wie zum Beispiel Personen mit kleinen Kindern.

Digitale Medien mit Nachbarschaftsbezug erreichen nicht alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen. In den beiden Großstädten sind Personen mit Hochschulabschluss und moderner Grundorientierung im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt der jeweiligen Nachbarschaft überrepräsentiert. Dies lässt sich damit erklären, dass vor allem sogenannte „early adopters“ Nachbarschaftsplattformen für sich entdeckt haben. Denn wie frühere Forschungen zeigten, greifen Personen mit höherem sozialen Status und einer positiven Einstellung zu Wandel gesellschaftliche Trends eher auf.

Während Nachbarschaftsplattformen primär für gemeinschaftliche Zwecke und als Marktplatz genutzt werden, finden in lokalen Gruppen in den sozialen Medien auch Diskussionen über hyperlokale Nachrichten und politische Themen statt.

Können digitale Plattformen den sozialen Zusammenhalt stärken?

Nachbarschaftsplattformen und digitale Medien reduzieren das Gefühl von Anonymität und befördern Identifikation und Verbundenheit mit der Nachbarschaft. Viele Nutzer erkennen Nachbarn auf der Straße von ihren online-Profilbildern wieder, andere machten dank der Nachbarschaftsplattformen bereits positive Erfahrungen mit Nachbarschaftshilfe. Derartige Erlebnisse stärken das Zugehörigkeitsgefühl und Vertrauen in die Nachbarschaft. Dies gilt besonders in den als anonym erlebten großstädtischen Nachbarschaften. Auch lokaljournalistische Beiträge auf digitalen Plattformen bedienen ein bei vielen vorhandenes Bedürfnis nach lokalen Geschichten und lokaler Identität.

Nachbarschaftsplattformen und digitale Medien mit Nachbarschaftsbezug sind ein Katalysator für neue Bekanntschaften und soziale Vernetzung unterschiedlicher Gruppen in der Nachbarschaft. Damit leisten sie einen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt. Digitale Medien senken die Hemmschwelle, mit Nachbarn in Kontakt zu treten und erweitern die sozialen Kontakte vor Ort. Bereits durch kurze Begegnungen – z.B. für Tauschgeschäfte oder bei Treffen, die über digitale Plattformen organisiert wurden – entstehen lockere Bekanntschaften. So kommen auch Begegnungen zwischen Nachbarn, die nur wenig gemeinsam haben, zustande. Gerade Kontakte zwischen den unterschiedlichen sozialen Gruppen in der Nachbarschaft können gegenseitiges Vertrauen stärken und Vorbehalte abbauen.

Zudem vereinfachen Nachbarschaftsplattformen die Identifikation von Gleichgesinnten und das Bilden von Interessengruppen. Oft finden sich Nachbarn für gemeinsame Aktivitäten zusammen, von Verabredungen unter Hundebesitzern oder Kartenspielern bis zur Gründung eines Nachbarschaftsgartens. Auf Basis geteilter Interessen/Wertvorstellungen entwickeln sich teilweise auch Freundschaften.

Digitale Nachbarschaftsplattformen können einen Mangel an Begegnungs- und Treffmöglichkeiten vor Ort kompensieren. Dies zeigte sich am Fall von München-Neuperlach: Der am Rande Münchens gelegene Stadtteil ist eine typische Großwohnsiedlung der 1960/70er Jahre. Viele Interviewte beklagten, dass sie kaum Nachbarn kennen und es nicht genügend Treffpunkte in der Nachbarschaft gebe. Auch Alterseinsamkeit ist ein ernstzunehmendes Problem im Quartier. Über die Plattform nebenan.de sind mehrere Nachbarschaftsgruppen entstanden, die regelmäßig bei Stammtischen zusammenkommen. Diese Treffen bedeuten für viele, darunter mehrere Rentner, eine Bereicherung ihres Soziallebens.

Digitale Plattformen mit Nachbarschaftsbezug können aber auch bestehende Ressentiments und soziale Ausgrenzungsmechanismen in Nachbarschaften reproduzieren. So zeigte sich einerseits, dass dank online initiierter Treffen Bindungen zwischen Personen mit ähnlichen soziodemografischen Merkmalen gestärkt werden können. Andererseits wurde aber auch deutlich, dass nicht alle Personengruppen, etwa Personen mit Migrationshintergrund und Transferleistungsempfänger gleichermaßen bei diesen Treffen erwünscht sind. In diesem Fall wurde ein gewisses Maß an sozialer Homogenität als wichtig für die funktionierende nachbarschaftliche Gemeinschaft erachtet.

Unterschiedliche Plattformen, unterschiedliche Diskussionskulturen: Verändern digitale Plattformen die politische Debattenkultur und lokales Engagement?

Auf Nachbarschaftsplattformen wie nebenan.de spielen (kommunal-)politische Themen fast gar keine Rolle, zudem herrscht dort in der Regel ein freundlicher, höflicher Umgangston. Teilweise halten Nutzer die digitale Plattform bewusst unpolitisch, weil sie den sozialen Raum für Gemeinschaftsbildung nicht gefährden wollen.

In lokalen Facebookgruppen kommen Nachrichten und (kommunal-)politische Themen hingegen häufiger zu Sprache. Vor allem dort, wo die politische Stimmung bereits gereizt ist, entwickeln sich teilweise hitzige Diskussionen und sind auch rechtspopulistische Stimmen stark vertreten. Ohne Gegenstimmen oder moderierende Eingriffen können digitale Medien damit zur Normalisierung derartiger Positionen beitragen. Demokratiefördernde Arbeit lokaler Akteure sollte daher verstärkt nicht nur vor Ort, sondern auch im digitalen Raum ansetzen.

Digitale Plattformen können politische Stimmungslagen sichtbar machen und aufheizen. In Meißen zeigte sich, dass soziale Medien bereits vorhandene Spannungen in der Bevölkerung verstärken können. In der Kleinstadt, in der bereits ein dichtes soziales Netzwerk besteht und von der viele sagen, dass „jeder jeden kennt“, vermieden viele Anwohner bislang kontroverse Diskussionen mit Nachbarn. Erst politische Statements in den sozialen Medien brachten ihre Meinungsverschiedenheiten zutage. Die größere Sichtbarkeit von persönlichen Einstellungen hat den sozialen Beziehungen mehrerer Befragter geschadet, auch Freundschaften sind zerbrochen. Zugleich haben einige über die sozialen Medien auch neue Bekanntschaften mit Personen, die ihre politischen Ansichten teilen, geschlossen. Es kann also von einer Neusortierung der sozialen Beziehungen die Rede sein.

Digitale Plattformen können aber auch Raum für konstruktiven Austausch bieten und als „Stimmungsbarometer“ für lokale Themen und Bedürfnisse fungieren. Für lokale Akteure wie z. B. Quartiersmanagements und Kommunalverwaltungen können online-Diskussionen wichtige Anhaltspunkte liefern, außerdem können digitale Medien die Kommunikation zwischen politischen Vertretern und Bürgern erleichtern. Besonders lokaljournalistische und moderierte Beiträge können als Impulsgeber für differenzierte Meinungsäußerungen aus der Bevölkerung dienen.

Die Untersuchung zeigte, dass Nachbarschaftsplattformen und digitale Medien Interessierten lokale Angebote und Engagementmöglichkeiten leichter zugänglich machen. Viele nachbarschaftliche Einrichtungen, wie z. B. Vereine und Initiativen konnten durch die digitalen Medien bereits ein breiteres Publikum erreichen und neue Mitstreiter gewinnen. Bei einigen Akteuren gibt es in diesem Bereich allerdings noch Aufholbedarf. In den Augen vieler Befragter besteht ein Vorteil digitaler Nachbarschaftsplattformen darin, dass sie Informationen über das lokale Leben bündeln. Viele sind der Meinung, dass sich politische Vertreter und nachbarschaftliche Einrichtungen noch stärker auf den digitalen Plattformen einbringen sollten, ohne dabei jedoch die Privatsphäre der Bürger zu verletzen.