Theorie

Kommunikation und Vernetzung über digitale Medien gehören für die meisten Menschen in Deutschland inzwischen zum Alltag. Bereits seit den Anfangstagen des Internets beschäftigen sich Wissenschaftler damit, wie Online-Vernetzung soziale Beziehungen, politische Meinungsbildung und Partizipation verändern. 
 
Digitale Medien und Gemeinschaft
Zur Frage nach der Wirkung des Internet und der neuen Kommunikationsmedien auf Gemeinschaften leistete der Soziologe Barry Wellman wichtige Beiträge.  Er argumentiert, dass soziale Medien und Smartphones soziale Bindungen stärker individualisieren und es einfacher machen, sich – auch über Distanzen hinweg - anhand geteilter Interessen zu vernetzen. Klassische Formen von Gemeinschaft verlören somit an Bedeutung (Rainie und Wellman 2012). Trotzdem spiele Nachbarschaft auch in digitalen Zeiten eine Rolle. Digitale Medien könnten die Rolle eines „introduction service“ unter Nachbarn einnehmen und dafür sorgen, dass Gleichgesinnte und Interessensgruppen in der unmittelbaren und auch der weiteren Wohnumgebung zusammenfinden (Wellman und Hampton 1999). 
 
Diese Perspektive teilen verschiedene andere Autoren. Mehrere Studien deuten außerdem darauf hin, dass Nachbarn, die online miteinander kommunizieren, mehr lose Beziehungen im Quartier („weak ties“) haben, was ihr soziales Kapital erhöhe und gemeinsames Handeln erleichtere (z. B. Masden et al. 2014). Jonuschat (2012) zeigte, dass digitale Vernetzung in der Nachbarschaft zu einer extremen Ausweitung von sehr losen Beziehungen beiträgt, was das Gefühl der sozialen Integration von Individuen stärken kann. Die bisherige Forschung stellt außerdem fest, dass nachbarschaftliche soziale Beziehungen in der digitalen Zeit häufig durch eine Vermischung von Online-Interaktionen und Face-to-face-Kontakt gekennzeichnet sind. In diesem Zusammenhang wird auch von hybriden Netzwerken gesprochen (Jonuschat 2012). 
 
Digitale Medien und Demokratie
Auch demokratische Diskussionen und Beteiligung finden heute zunehmend online statt. So nutzen Personen, die bereits für gesellschaftliche Zwecke engagiert sind, digitale Medien häufig aktiv, da sie ihre Potentiale für Kommunikation, Mobilisierung und Organisation erkennen (Kavanaugh et at. 2005). 
 
Zusätzlich können digitale Medien Beteiligung und Engagement weiter stärken, wenn Nutzer bereits grundlegendes politisches Interesse mitbringen (Kavanaugh und Patterson 2001). Dabei spielt die Art und Weise der Mediennutzung eine Rolle: Wer soziale Medien nutzt, um sich zu informieren und auszutauschen, ist öfter mit politischen Themen konfrontiert und kann eher auch für politische und gesellschaftliche Beteiligung gewonnen werden, als Nutzer, für die Entertainment im Vordergrund steht (Boulianne 2015; Gil de Zúñiga et al. 2012). Besonders unverbindliche Beteiligungsarten oder informelle Formen des Engagements gewinnen laut dem Engagementbericht der Bundesregierung durch digitale Medien an Zulauf (BMFSFJ 2016). 
 
Zwar gibt es zahlreiche Untersuchungen zu sozialen Medien und politischer Partizipation, doch bislang gibt es kaum Forschung, die explizit die Quartiersebene in den Blick nimmt und nach dem Einfluss digitaler Medien auf lokale Demokratie und Zivilgesellschaft fragt.
 
Nutzertypen von digitalen Medien
Für die Frage, wer digitale Medien und Nachbarschaftsplattformen nutzt, ergeben sich aus der bisherigen Forschung mehrere Thesen. Einerseits herrscht die Annahme, dass insbesondere für weniger mobile oder internetaffine Gruppen wie alte Menschen oder Kinder, Familien oder neu zugewanderte Menschen das Quartier einen wichtigen Bezugsrahmen darstellt (Siebel 2009). Daher könnten digitale Plattformen für diese Gruppen eine besonders wichtige Funktion für den Aufbau von lokal verortetem sozialem Kapital haben. 
 
Andererseits zeigen Untersuchungen zu den Nutzern sozialer Medien, dass Personen mit einem hohen Bildungsgrad und Einkommen digitale Medien vermehrt nutzen, während ältere Personen mit niedrigerem sozioökonomischem Status weniger von ihnen profitieren (vgl. Poushter 2016). Aber auch individuelle Medienkompetenzen und individuelle Motivationen von Nutzern sowie die Funktionsweisen und die Bedienbarkeit der digitalen Plattformen seien ausschlaggebend dafür, wer Nachbarschaftsplattformen nutzt und welche Wirkungen sie auf das Miteinander im Quartier haben.
 
 
Literaturhinweise
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2016: Zweiter Engagementbericht 2016. Demografischer Wandel und bürgerschaftliches Engagement. Der Beitrag des Engagements zur lokalen Entwicklung. Zuletzt aufgerufen am 5.12.2017 unter https://www.bmfsfj.de/blob/115588/53875422c913358b78f183996cb43eaf/zweiter-engagementbericht-2016---engagementmonitor-2016-data.pdf
 
Boulianne, Shelley 2015: Social media use and participation: A meta-analysis of current research. In: Information, Communication & Society, 18:5, S.524-538.  
Gil de Zúñiga, Homero; Nakwon Jung und Sebastián Valenzuela 2012: Social Media Use for News and Individuals' Social Capital, Civic Engagement and Political Participation. In: Journal of Computer-Mediated Communication, 17, S. 319–336.
 
Kavanaugh, Andrea L. und  Scott J. Patterson, 2001: The impact of community computer networks on social capital and community involvement. American Behavioral Scientist, 45:3, S. 496-509.
 
Kavanaugh, Andrea L.; Debbie Reese; John M Carroll und Mary B. Rosson 2005: Weak ties in networked communities. In: The Information Society 21:2, S. 119–131.
Masden, Christina; Catherine Grevet; Rebecca Grinter; Eric Gilbert und Keith W. Edwards 2014: Tensions in scaling-up community social media: a multi-neighborhood study of nextdoor. In: Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI '14). ACM, New York, S. 3239-3248.
 
Poushter, Jabob 2016: Smartphone Ownership and Internet Usage Continues to Climb in Emerging Economies. PEW Research Center. Zuletzt eingesehen am 30.01.2017 unter: http://www.pewglobal.org/files/2016/02/pew_research_center_global_technology_report_final_february_22__2016.pdf.
 
Rainie, Lee und Barry Wellman 2012: Networked: The New Social Operating System. Cambridge, MA: MIT Press.
 
Siebel, Walter 2009: Ist Nachbarschaft heute noch möglich? In: Arnold, Daniel (Hrsg.): Nachbarschaft. München: Callwey Verlag, S. 7-13.
 
Wellman, Barry und Keith Hampton 1999: Living Networked On and Offline. In: Contemporary Sociology, 28, S. 648–654.