München-Neuperlach

Neuperlach ist ein Stadtteil am südöstlichen Stadtrand von München und gehört zum Stadbezirk amersdorf-Perlach. Das in den 1960er und 70er Jahren erbaute Quartier war einst das größte Bauprojekt Deutschlands und beherbergt heute etwa 50.000 Bewohner. Gemäß dem Vorbild einer funktionalen Trennung ist Neuperlach bis heute ein reines Wohnviertel, welches sich durch acht bis achtzehnstöckige Wohnhäuser, wenige Einkaufsmöglichkeiten und großzügige Grünflächen auszeichnet.
Ähnlich wie andere zu jener Zeit erbaute randstädtische Großwohnsiedlungen erfüllte Neuperlach für viele Anwohner das Versprechen einer „Utopie des Urbanen“ (Hartard 2003) nicht. Folglich verließen viele Besserverdienende den Stadtteil bald wieder, was die soziale Entmischung beschleunigte und Neuperlach den Ruf eines sozialen Brennpunkts bescherte.
 
Bis heute weist Neuperlach im Vergleich zur Gesamtstadt „überdurchschnittliche soziode- mografische Herausforderungen“ auf (Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München 2016). Dazu zählen die höchste Arbeitslosigkeit, von der insbesondere Jugendliche betroffen sind, sowie eine hohe Anzahl an Empfängern von Transferleistungen und Wohngeld (Sozialreferat der Landeshauptstadt München o.J.). Auch gilt Neuperlach im stadtweiten Vergleich als sehr diverser und multikultureller Stadtteil. Knapp zwei Drittel aller Bewohner (61,1%) haben einen Migrationshintergrund (Landeshauptstadt München 2017).
 
Damit steht die Fallstudie für ein Quartier, in dem verschiedene Herausforderungen und potenzielle Konfliktlinien zusammenlaufen. Neuperlach ist vergleichbar mit anderen in der gleichen Zeit erbauten peripheren Großwohnsiedlungen, die eine ähnliche demografische und ökonomische Entwicklung aufweisen. Die Fallstudie soll die Wirkungen von digitalen Medien mit sozialräumlichem Bezug in einer Großwohnsiedlung in den Blick nehmen, wo es aufgrund monofunktionaler Planung an Treff- und Ausgehmöglichkeiten fehlt und der angesichts überdurchschnittlicher soziodemografischer und architektonischer Herausforderungen ein negatives Quartiersimage anhaftet (Senkel 2012: 327).
 
Der Mangel an Ausgehmöglichkeiten und Treffpunkten im Quartier wirft zu- dem die Frage auf, inwieweit die digitale Vernetzung und Interaktion diesen Mangel kompensieren und neue Möglichkeiten der Begegnung schaffen kann. Angesichts vorhandener sozio-ökonomischer Herausforderungen und einem hohen Grad an Anonymität ist es interessant, ob soziale Integration benachteiligter Gruppen durch digitale Medien gestärkt werden kann.
 
Digitale Medien im Untersuchungsgebiet
 
In München Neuperlach gibt es eine Reihe von Facebookgruppen mit sozialräumlichem Bezug. Zudem ist die Nachbarschaftsplattform nebenan.de mit verschiedenen digitalen Nachbarschaften im Untersuchungsgebiet vertreten. Um den Untersuchungsgegenstand einzugrenzen, konzentriert sich die Fallstudie auf die nebenan.de-Nachbarschaft „Neuperlach Nord“. Da in Neuperlach die angrenzenden Nachbarschaften stark interagieren, wurde dieser von nebenan.de vorgegebenen Grenzziehung nicht strikt gefolgt. Viele der Befragten bewerten die Unterteilung als künstlich. Zudem gibt es mit dem Stadtteilblog Neuperlach.org und der Facebookseite „Neuperlach“ weitere hoch frequentierte, lokale Plattformen für den Austausch über Geschichte und Aktuelles im Quartier.
 
Nutzertypen
 
In Neuperlach zeigt sich, dass zwar ein breites Spektrum an Personen im Alter von Mitte 20 bis Anfang 70 nebenan.de nutzen, allerdings lassen sich zwei Typen an Personengruppen identifizieren, die auf der Plattform besonders aktiv sind. Dies sind einerseits Personen, die sich durch ein geringes Sozialkapital vor Ort auszeichnen. Das trifft sowohl auf neu zugezogene Personen zu, als auch auf alleinstehende Menschen mittleren bis höheren Alters, die bereits seit Jahren im Quartier leben.
 
Andererseits lassen sich Personen festmachen, die bestimmte Interessen und Hobbys verfolgen und für diese Mitstreiter suchen. Dies reicht von Personen, die sich zivilgesellschaftlich im Nachhaltigkeitsbereich, unter anderem bei Foodsharing, engagieren, Personen, die Mitspieler für Brettspiele suchen, oder Besitzer von Hunden und Katzen.
 
Die Interviews deuten darauf hin, dass die Angehörigen beider Personengruppen ein großes Bedürfnis nach mehr nachbarschaftlicher Vernetzung und Interkation verspüren. Sie erhoffen sich, über die Plattform nebenan.de neue Kontakte zu knüpfen und/oder einen Partner im Alter zu finden.
 
Digitale Medien und Gemeinschaft
 
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass digitale Medien der empfundenen Anonymität vieler Bewohner Neuperlachs entgegenwirken und einen wichtigen Beitrag zur Stärkung von lokal verorteten sozialen Beziehungen leisten können. Über nebenan.de wurden Gruppen initiiert und sind „Stammtische“ entstanden, die sich regelmäßig zum geselligen Zusammensein treffen. Sie mehren die „weak ties“ der Teilnehmenden und damit ihr lokales Sozialkapital.
Während die lokal verorteten Interessensgruppen grundsätzlich allen offen stehen, werden in den Stammtischgruppen jedoch Abgrenzungen anhand von klassischen Kategorien sozialer Differenzierung reproduziert. Die Stärkung des Vertrauens in der Gruppe geht mit einer sozialen Abgrenzung nach außen einher („bonding social capital“).
 
Die sozialen Begegnungen, die ohne die Nachbarschaftsplattform nicht zustande gekommen wären, leisten einen wichtigen Beitrag, um die Vereinsamung in der Großwohnsiedlung zu reduzieren. Dies gilt insbesondere für viele alleinstehende, ältere Menschen. Neben der Stärkung sozialer Bindungen trägt die digitale Vernetzung über nebenan.de in der Wahrnehmung vieler Befragter auch zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts bei. Für viele, insbesondere weniger mobile oder isoliert lebende Menschen, bewirken die digitalen Medien die Stärkung ihrer emotionalen Verbundenheit und Identifikation mit der Nachbarschaft.
 
Digitale Medien und lokale Demokratie
 
Politische Themen und Auseinandersetzungen spielen in den untersuchten digitalen Medien in München Neuperlach grundsätzlich eine untergeordnete Rolle. Besonders die Plattform nebenan.de wird als unpolitisch wahrgenommen. Politische Auseinandersetzungen sowohl im digitalen als auch im analogen Raum scheinen bewusst gemieden zu werden, um neu geknüpfte soziale Kontakte nicht zu gefährden.
Mit Blick auf die nachbarschaftlichen Einrichtungen lässt sich ein gewisser Nachholbedarf im digitalen Bereich feststellen. Um gezielt andere Zielgruppen anzusprechen und eine modernere Außenwahrnehmung zu erzielen, könnte die stärkere Einbindung von sozialen Medien und Nachbarschaftsplattformen ein wichtiges Werkzeug sein.