Berlin-Wedding

Berlin-Wedding ist ein Stadtteil, der sich durch die Gleichzeitigkeit vielfältiger Lebensformen und Erwartungen an Nachbarschaft auszeichnet. Seit Jahrzehnten ist der Stadtteil migrantisch geprägt: Im Jahr 2013 hatten 63% der Anwohner der Bezirksregion Wedding einen Migrationshintergrund und 38,4% waren ausländischer Staatsangehörigkeit (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2013). Doch nicht nur die unterschiedlichen migrantischen Milieus sind für die Vielfalt der Lebensstile verantwortlich, auch die soziale Durchmischung ist hoch. Alteingesessene Berliner mit geringem Einkommen leben Tür an Tür mit zugezogenen Studierenden, hochmobilen Freiberuflern sowie jungen Familien mit doppeltem Einkommen.
 
Trotz demografischer Veränderungen in den letzten Jahren wird der Wedding bis heute als Problemviertel wahrgenommen. Der Stadtteil weist weiterhin eine hohe Konzentration sozial benachteiligter Personen auf. Im Einzugsgebiet des Quartiersmanagement Badstraße empfingen im Jahr 2015 immer noch 39,2% der Anwohner Transferleistungen. Der Arbeitslosenanteil lag bei 8,43% und damit weit über der Berliner Quote (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen 2017). Zudem ist die Bevölkerung ständig in Bewegung, wie das hohe Wanderungssaldo und die steigenden Mieten, die teilweise zur Verdrängung langjähriger Bewohner führen, zeigen.
 
 
Laut Definition des statistischen Bundesamtes hat eine Person einen Migrationshintergrund, "wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde" (Statistisches Bundesamt 2017). Die Diversität der Bevölkerung und hohe Dynamik, durch die der Wedding gekennzeichnet ist, bildet die postmoderne Lebenswirklichkeit vieler Großstadtbewohner ab (Drilling, Oehler und Käser 2017). Damit steht die Fallstudie für Quartiere, in denen das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Milieuzugehörigkeiten und (kultureller) Hintergründe alltäglich ist. Die Heterogenität der Bevölkerung wirft die Frage auf, welche Milieus die digitalen Angebote nutzen, wer von ihnen profitiert, und welche Bevölkerungsgruppen die auf digitalen Plattformen zugänglich gemachten Ressourcen erreichen. In dem Zusammenhang ist auch interessant, inwiefern digitale Medien zu Teilhabe und Vernetzung der unterschiedlichen Milieus im Quartier beitragen und wie lokale Einrichtungen digitale Medien nutzen.
 
Digitale Medien im Untersuchungsgebiet
 
In Berlin-Wedding gibt es eine Reihe von Facebookgruppen mit sozialräumlichem Bezug. Zudem ist die Nachbarschaftsplattform nebenan.de mit verschiedenen digitalen Nachbarschaften, die jeweils kleinräumliche Gebiete umfassen, im Untersuchungsgebiet vertreten. Um den Untersuchungsgegenstand einzugrenzen, konzentriert sich die Fallstudie auf die nebenan.de-Nachbarschaft „An den Uferhallen“. Mit der Weddingweiser Pinnwand verfügt die Nachbarschaft zudem über einen bekannten und von vielen hoch geschätzten Stadtteilblog, dessen Facebookgruppe sich zu einer dynamischen Community entwickelt hat.
 
Nutzertypen
 
Die Analyse ergab, dass im Stadtteil Berlin-Wedding primär zwei Typen von Personen auf sozialraumorientierte, digitale Medien zurückgreifen und von diesen profitieren. Dies sind einerseits Personen mit hoher Ortverbundenheit und geringerer Mobilität. Für diese Menschen spielt der unmittelbare Sozialraum eine wichtige Rolle im Alltag. Dazu zählen u.a. junge Eltern, deren Wohnumfeld an Bedeutung gewinnt oder jene, die sich lokal engagieren und vor Ort etwas bewegen möchten. Vor allem die Engagierten sehen die digitalen Medien als Tool, um Mitstreiter zu mobilisieren und sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.
 
Die zweite Nutzergruppe sind Personen mit geringem Sozialkapital vor Ort. Dies trifft insbesondere auf neu Zugezogene, Alleinstehende und oftmals auch auf sehr introvertierte Personen zu. Viele der Befragten gaben an, dass sie sich intensivere nachbarschaftliche Bindungen und ein stärkeres soziales Miteinander wünschen. Diese Gruppe nutzt digitale Medien als Ressource, um Informationen über das lokale Leben einzuholen, Unterstützung zu erbeten oder Kontakte zu knüpfen.
 
Digitale Medien und Gemeinschaft
 
Zwar schätzen die Befragten die soziale und kulturelle Vielfalt in ihrer Nachbarschaft, dennoch stören sich einige an der geringen sozialen Interaktion zwischen den verschiedenen Teilgruppen. Während die meisten Interviewpartner dies wertungsfrei feststellen, knüpfen einzelne an den pejorativen Diskurs der „Parallelgesellschaften“ an, indem sie nahelegen, die Abgrenzung gehe einseitig von Zuwanderern aus. Die geringere Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationshintergrund auf den sozialraumorientierten Plattformen kann die wahrgenommene Trennung entlang sozialer und ethnischer Grenzen im analogen Raum reproduzieren und noch weiter verstärken.
 
Nichtsdestotrotz können digitale Medien mit lokalem Bezug das eigene soziale Netzwerk vergrößern und auch brückenbildendes („bridging“) Sozialkapital stärken. Insbesondere Personen, die noch wenig Kontakte vor Ort haben, oder Mitstreiter mit ähnlichen Interessen suchen, profitieren von lokalspezifischen, digitalen Medien. Auch kann durch die Diversifizierung des sozialen Netzwerks ein Ressourcentransfer angestoßen werden.
Viele Nutzer fühlen sich dank digitaler Medien stärker mit ihrer Nachbarschaft verbunden und verspüren ein Gefühl von Gemeinschaft. Durch lokaljournalistische Beiträge, die realen Profilbilder und Adressenangaben entsteht der Eindruck, man würde die Nachbarn und Nachbarschaft besser kennen. Das Gefühl von Anonymität nimmt auf individueller Ebene ab.
 
Digitale Medien und lokale Demokratie
 
Politische Diskussionen spielen auf den lokalspezifischen Medien eine eher untergeordnete Rolle. Insbesondere die nebenan.de-Nachbarschaft wird als „unpolitisch“ wahrgenommen. Das Ausklammern politischer Auseinandersetzungen empfinden viele Nutzer als etwas Positives. Für sie steht die Stärkung von Gemeinschaft im Vordergrund.
 
Für Personen, die gezielt nach Engagementmöglichkeiten suchen oder ein Grundinteresse an gesellschaftlichen Themen mitbringen, bieten digitale Medien ein geeignetes Tool, um Beteiligungsmöglichkeiten zu finden oder mit diesen in Berührung zu kommen. Beispielsweise sind eine Reihe von Nutzern erst durch den Weddingweiser oder nebenan.de auf politische oder zivilgesellschaftliche Initiativen in ihrer Nähe aufmerksam geworden und engagieren sich seither immer wieder anlass- oder projektbezogen.
Eine Reihe von Nutzern fordert, dass politische Akteure und öffentliche Einrichtungen (z.B. Quartiersmanagements) lokalspezifische, digitale Medien stärker nutzen und sich darauf engagieren sollen. So könnten Bedürfnisse der Bürger besser erkannt und darauf reagiert werden. Zudem würde ein Austausch zwischen Institutionen und Bürgern befördert und eine transparente Informationsvermittlung und ehrlichere Beteiligungskultur ermöglicht.