Paderborn-Elsen

Paderborn-Elsen ist ein Stadtteil, der sich trotz enger Verflechtungen mit Paderborn eine eigene Identität und den Charakter einer eigenständigen Gemeinde bewahrt hat. Grund dafür sind die vielfältigen ortsansässigen Vereine, die das Gemeinschafts- und Nachbarschaftsleben in Elsen prägen. Mehrere Schützen- und Heimatvereine bemühen sich um die Pflege von lokalen Traditionen. Es gibt außerdem einen Sportverein mit über 2.000 Mitgliedern sowie viele weitere Möglichkeiten für lokales Engagement, von der Freiwilligen Feuerwehr über den Spielmannszug bis hin zum Imkerverein.
 
Insbesondere die alteingesessenen Bewohner sind aufgrund dieser Vereinsstrukturen in ein enges Netzwerk analoger, lokaler Beziehungen eingebunden. In den letzten Jahren ist der Stadtteil aber auch für junge Familien, die sich ein Eigenheim im Grünen sowie Betreuungs- und Bildungsangebote vor Ort wünschen, attraktiv geworden. Dementsprechend prägen heute ausgedehnte Wohngebiete mit Einfamilienhäusern das Bild des Stadtteils.
 
Für neu zugezogene Personen stellt die „eingeschworene Gemeinschaft“ der Elsener mit traditionsorientierten Lebensstilen oftmals eine Herausforderung dar, neue Kontakte zu knüpfen, insbesondere dann, wenn die Vereinsstrukturen nicht den eigenen Interessen entsprechen. Viele Alteingesessene wiederum beklagen die Abnahme des freiwilligen Engagements in Vereinen und damit der traditionellen Form sozialer Integration.
 
Die Bevölkerungsstruktur des Untersuchungsgebietes ähnelt Kleinstädten in der Region: Die Mehrheit der Elsener ist katholisch (55,6%) und knapp ein Drittel der Bevölkerung ist im Alter von 45 bis 65 Jahren. Damit hebt sich die Bevölkerung von der deutlich jüngeren Paderborner Kernstadt ab. Außerdem leben in Elsen im Vergleich zur Paderborner Kernstadt nur halb so viele Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (5,4% gegenüber 11,1%; Stadt Pa- derborn 2016).
 
Der kleinstädtische Charakter macht Paderborn-Elsen zu einem Fall, an dem sich die Wirkungen von digitalen Plattformen für lokales Leben in ländlich geprägten Räumen untersuchen lassen. Elsen steht für eine Gemeinde, in der gelebte Nachbarschaft stärker fortlebt als in Großstädten üblich und die durch geringe Anonymität sowie einen hohen Zusammenhalt der Bevölkerung gekennzeichnet ist. Damit stellt sich die Frage, inwiefern digitale Vernet- zung unter Anwohnern die etablierten analogen Strukturen verändern oder bereichern kann, und ob sie zur Förderung von neuen Formen bürgerschaftlichen Engagements und zur Integration von Zugezogenen in lokale Netzwerke beitragen können.
  
Die Elsener Bevölkerung greift auf eine Reihe sozialer und digitaler Medien mit lokalem Bezug zurück, die für jeweils unterschiedliche Nutzertypen (Alter, Neuzugezogen vs. Alteinge- sessen) Vorteile bieten und sich in ihrer Funktion komplementieren. Seit dem Frühjahr 2017 engagiert sich auch die Nachbarschaftsplattform Lokalportal in Paderborn-Elsen. Dabei dient die Gruppe „Mein Elsen“ als Dreh- und Angelpunkt der lokalen Kommunikation. Zudem nutzen mehrere Elsener Vereine eine App, die speziell für Nutzer konzipiert ist, die auf sozialen Medien wie Facebook nicht angemeldet sind.
 
Nutzertypen
 
Die typischen Nutzer von Lokalportal sind in Paderborn-Elsen berufstätige Personen mittleren Alters (ca. 40-60 Jahre), die sich stark mit der Gemeinde identifizieren. Aber auch junge Familien, für die die unmittelbare Umgebung aufgrund der neuen Lebenssituation an Bedeutung gewinnt, beteiligen sich verstärkt auf den sozialraumorientierten Medien. Darüber hinaus sind lokalspezifische, digitale Medien insbesondere für Interessengruppen und Vereine ein Medium, um sich auszutauschen sowie zusätzliche Personen zu rekrutieren.
Entgegen weitverbreiteter Annahmen zeigen viele ältere Bewohner in Paderborn-Elsen großes Interesse und Aufgeschlossenheit gegenüber lokalspezifischen, digitalen Medien. Um jedoch das Potenzial dieser Medien für alle Alters- und Akteursgruppen auszuschöpfen, wird es zukünftig notwendig sein, die Kompetenzen im Umgang mit diesen Medien zu Informations- und Marketingzwecken noch zu verbessern.
 
Digitale Medien und Gemeinschaft
 
Viele Bewohner sind in ein dichtes Netz lokaler Beziehungen eingebunden. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass sich über die Online-Vernetzung neue Beziehungen außerhalb des oftmals homogenen sozialen Netzwerks ergeben. Durch den gemeinsamen Austausch über lokale Entwicklungen und Suchanfragen (z.B. nach einen Babysitter oder Nachhilfelehrer) können schnell neue, lose Bekanntschaften entstehen, aber auch alte soziale Beziehungen wiederbelebt werden.
Digitale Medien mit lokalem Bezug bieten insbesondere für das Bilden von sowie den Austausch innerhalb von Interessegnruppen Potenzial. Für mobile Personen mit moderner Grundorientierung steht dabei oftmals die Gemeinschaft Gleichgesinnter im Vordergrund und weniger die räumliche Nähe. Das Verständnis von Nachbarschaft erweitert sich für diese Zielgruppe auf eine noch erreichbare „local area“.
Die Analyse verdeutlichte zudem, dass sich viele Anwohner dank digitaler Medien besser über lokale Nachrichten, soziales und kulturelles Leben und Angebote informiert fühlen. Dies stärkt das Interesse und die Identifikation mit dem Stadtteil und kann Partizipation befördern. Auch schätzen viele Befragte die gegenseitige Unterstützung auf diesen Plattformen und die schnelle Hilfe bei Fragen, wodurch ein Gemeinschaftsgefühl entstehe.
 
Digitale Medien und Demokratie
 
Für diejenigen, die sich auf die lokalen Strukturen einlassen, können sozialraumorientierte digitale und soziale Medien den Zugang zu Beteiligungsmöglichkeiten und vielfältigen Engagementformen, sowohl in losen als auch in festen Strukturen, erleichtern. In einigen Fällen ermöglichte der digitale Raum, erste Kontakte und Berührungspunkte zu politischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen herzustellen.
 
Auch bieten lokale, digitale Medien einen wichtigen Raum für den Austausch über das lokale Leben und stadtentwicklungspolitische Fragen. Viele nutzen die Diskussionsplattformen, um an zusätzliche Informationen zu gelangen oder auf Missstände, wie z.B. den Zustand öffentlicher Plätze aufmerksam zu machen. Dabei bieten die Beiträge der Lokalreporterin von Lokalportal einen wichtigen Impuls für den Meinungsaustausch über diese Belange.
Durch eine persönliche Berichterstattung und die Möglichkeit der Mitsprache können Berührungsängste abgebaut und – oftmals unausgesprochene – Befindlichkeiten, Themen und Bedürfnisse der Bewohner artikuliert werden. Für lokale Akteure bieten die Diskussionen auf ortsbezogenen Facebookgruppen und Plattformen wie Lokalportal eine Ressource, um ein differenziertes Stimmungsbild zu erhalten und die Bedürfnisse der Bewohner zu erfassen.