Meißen

Die etwa 25km westlich von Dresden im Elbtal gelegene Stadt Meißen zählt knapp 28.000 Einwohner. Sie wurde vor über 1000 Jahren gegründet und ist bis heute vom mittelalterlichen Ortskern geprägt. Ein besonderes Wahrzeichen Meißens ist die im Jahr 1710 gegründete Staatliche Porzellan-Manufaktur.
Seit wenigen Jahren wächst die Einwohnerzahl, womit Meißen unter den kleineren Städten in Sachsen eine Ausnahme darstellt. Verantwortlich dafür sind die Attraktivität der Altstadt, eine gute Verkehrsanbindung, die steigenden Mieten im nahen Dresden sowie eine im regionalen Vergleich gute wirtschaftliche Lage. Die Arbeitslosigkeit hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen und lag im September 2017 bei 6% (Stadt Meißen 2017).
 
Insgesamt spiegelt Meißen die Bevölkerungsstruktur in ländlich geprägten Regionen Ostdeutschlands wider, mit einem hohen Anteil von Personen im Rentenalter (ca. 28%) und einer geringen Anzahl an Anwohnern ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Der Ausländeranteil ist durch den Zuzug von Geflüchteten seit Ende 2014 von ca. 2,5% auf 4% der Stadtbevölkerung gestiegen (Statistisches Landesamt Sachsen o.J.). Die Spuren der DDR sowie der politischen und wirtschaftlichen Transformation nach der Wende sind in Meißen immer noch spürbar. Ebenso wie andere ehemals industriell geprägte ostdeutsche Klein- und Mittelstädte war Meißen in den 1990ern von Deindustrialisierung, Arbeitsplatzabbau und Bevölkerungsrückgang betroffen.
 
Diese Erfahrungen beeinflussen auch die aktuelle politische Stimmung in der Stadt. Bei den Bundestagswahlen im Herbst 2017 erhielt die AFD im Landkreis Meißen mit 32,9% die meisten Zweitstimmen. Auf die Zunahme rechter Vorfälle wurde jüngst mit verschiedenen Aktivitäten und Initiativen reagiert.
Soziale Medien und digitale Plattformen sind Werkzeuge, die einerseits neue Möglichkeiten der Vernetzung und Beteiligung bieten, andererseits aber auch negative Auswirkungen haben können. Aufgrund der zunehmenden Verbreitung rechtspopulistischer Einstellungen, die bis in die gesellschaftliche Mitte reichen und sich auch in den sozialen Medien widerspiegeln, eignet sich die Stadt Meißen als Fallstudie zur Untersuchung der sozialräumlichen Auswirkungen dieser Form der Online-Interaktion. Inwiefern tragen digitale Medien in einem derartigen Kontext zu sachlichem Dialog oder zivilgesellschaftlicher Vernetzung bei oder aber verstärken die existierenden Spannungen nur noch weiter?
 
Digitale Medien im Untersuchungsgebiet
 
Das digitale Leben der Stadt Meißen spielt sich in erster Linie auf Facebook ab. Es gibt eine Reihe von Facebookseiten und -gruppen mit lokalem Bezug, die die Meißner Bevölkerung als schwarzes Brett, für kleine und große Stadtgespräche sowie für politische Diskussionen nutzen. Ende 2016 ist außerdem die Plattform Lokalportal in Meißen gestartet, die mit der Sächsischen Zeitung kooperiert. Hier sollen die Meißner in Zukunft vermehrt Geschichten aus der unmittelbaren Nachbarschaft und Veranstaltungshinweise finden und diese auch selber einbringen können. Neben Facebookgruppen und -Seiten unterhalten eine Reihe der Interviewten auch Whatsapp-Gruppen mit Nachbarn oder Freunden und Bekannten.
 
Nutzertypen
 
In der Kleinstadt Meißen sind vor allem die 40-60-jährigen auf den lokalen Facebookseiten und -Gruppen aktiv. Etwa zwei Drittel davon sind Männer. Die Wortwahl und Art der Kommentare lässt auf eine breite Milieuzugehörigkeit schließen.
 
Die Online-Diskussionen werden in erster Linie von einer Reihe besonders aktiver Nutzer aus dem links- sowie rechtspolitischen Spektrum dominiert. Soziale Medien dienen als erweitertes Forum für diejenigen, die sich bereits für politische Themen interessieren und auch vor Ort parteipolitisch oder zivilgesellschaftlich engagiert sind.
 
Die überschaubare Community der Geflüchteten in Meißen beteiligt sich zwar nicht sichtbar an den Diskussionen in den meistfrequentierten Facebookgruppen, nutzt aber Facebook, um sich über lokale Angebote und Veranstaltungen, sowie die Geschichte und Politik der Stadt zu informieren. Zudem gibt es eine Gruppe, die speziell dem Austausch und der Vernetzung von Geflüchteten und Unterstützern in Meißen dient.
 
Digitale Medien und Gemeinschaft
 
Aufgrund des dichten Netzes von analogen Beziehungen in der Kleinstadt gibt es eine starke Überschneidung zwischen Online- und Offline-Kontakten. Lokale Interessensgruppen haben mit den sozialen Medien jedoch ein wichtiges Tool dazugewonnen, um sich auszutauschen und zu organisieren. Neben der erleichterten Kommunikation zwischen Personen, die sich durch gemeinsame Mitgliedschaften oder sonstige Überschneidungen bereits kennen, entstehen durch soziale Medien teilweise zufällige neue Verbindungen zu Personen mit ähnlichen Interessen und Einstellungen. Auch lokale Akteure erreichen durch soziale Medien ein größeres Publikum für ihre Informationen und Angebote. Allerdings ist besonders wegen des hohen Durchschnittsalters in Meißen zu bedenken, dass online-Kommunikation bei Weitem nicht alle erreicht.
 
Die Implikationen sozialer und digitaler Medien auf das soziale Zusammenleben vor Ort sind ambivalent. Einerseits können sie eine identitätsstiftende Wirkung haben und das Zusammenleben befördern. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn eine nahe, persönliche Berichterstattung stattfindet und das gemeinsame Schwelgen in „Erinnerungen“ in eine kollektive Nostalgie mündet. Andererseits können soziale Medien aber auch zu Stigmatisierungs- und Ausgrenzungsprozessen von Personen im analogen Raum führen, die durch den hohen Grad an Familiarität in einer Kleinstadt noch verstärkt werden.
 
Soziale Medien und lokale Demokratie
 
Die Analyse zeigt, dass lokale Medien ein wichtiges Instrument für politische Interessensgruppen und Initiativen sind, um sich zu organisieren und in relativ kurzer Zeit viele Personen für eine Sache zu mobilisieren. Das schließt sowohl die Mobilisierung von kollektiver Hilfe in Notsituationen, etwa beim Hochwasser, aber auch für rechte Organisationen wie PEGIDA ein.
Während klare politische Positionierungen im analogen Raumen von vielen ausgespart werden und die organisierten politischen Teilgruppen vor Ort den Dialog mit dem entgegengesetzten politischen Lager vermeiden, finden in den Facebookgruppen der Lokalmedien hitzige Diskussionen zwischen Personen aus dem rechten und dem linken Spektrum statt. Insbesondere rechte Positionen sind in den sozialen Medien stärker sichtbar als im alltäglichen Miteinander. Folglich können soziale Medien die bereits vorherrschende politische Polarisierung und gegenseitige Abgrenzung noch weiter verstärken. Ohne Gegenstimmen oder moderierende Eingriffe können hochfrequentierte lokale Gruppen in sozialen Medien somit rechtspopulistischen Meinungen eine Plattform bieten und diese weiter normalisieren.
 
Soziale Medien bieten aber gleichzeitig das Potenzial mehr Beteiligung zu erwirken und lokale Demokratie zu stärken. Als „basisdemokratisches“ Medium, können soziale Medien zu mehr Beteiligung und Bürgernähe führen, da Berührungsängste zwischen Politik und Bürgerschaft abgebaut werden und eine höhere Teilhabe erzielt werden kann. Gleichzeitig können sie als „Stimmungsbild“ und „Themenanzeiger“ für die Politik und Stadtverwaltung fungieren und die entsprechenden Punkte stärker in analogen Debatten (z.B. bei der Stadtratssitzung) aufgegriffen werden.