Erste Eindrücke aus Paderborn Elsen

Das Projekt „Vernetzte Nachbarn“ möchte verstehen lernen, wie digitale Medien auf das analoge Gemeinschaftsleben in Nachbarschaften wirken. Dafür nehmen wir vier Nachbarschaften genauer unter die Lupe. Inzwischen ist die Feldforschung angelaufen, unser erster Ortsbesuch führte uns nach Paderborn-Elsen. Dort trafen wir Experten für analoge und digitale Nachbarschaft und besuchten eine Veranstaltung der Nachbarschaftsplattform Lokalportal.

Unsere erste Anlaufstelle war der Heimat- und Verkehrsverein Elsen (HVV), der sich um die Dokumentation der Ortsgeschichte sowie die Pflege von lokalen Traditionen bemüht. Franz Kürpick, der das Ehrenamt des Ortschronisten innehat, und Rolf-Dieter Müller, pensionierter Archivar und ehemaliges Vorstandsmitglied des Vereins, gaben uns einen Überblick über die Geschichte und aktuelle Entwicklungen in Elsen.

Elsen als Gemeinde mit intakter Sozialstruktur und lebendigem Vereinsleben, guter Infrastruktur und hoher Lebensqualität
Paderborn-Elsen ist ein Stadtteil von Paderborn, der bis 1975 eigenständiges Dorf war. Seit seiner Eingliederung ist Elsen stetig gewachsen und zählt mittlerweile gut 16.000 Einwohner. Die beiden Vertreter des Heimatvereins sind sich darin einig, dass Elsen zwar nicht der schönste Stadtteil sei, dafür aber andere Qualitäten aufweise. Besonders die gute Verkehrsanbindung und die Infrastruktur seien attraktiv. Für Alltagsangelegenheiten sei man auf Paderborn gar nicht angewiesen, so Müller.

Der Dreh- und Angelpunkt des Gemeinschaftslebens in Elsen sind die vielfältigen ortsansässigen Vereine, insbesondere die vier Schützenvereine. Sie bilden die räumliche Gliederung des Stadtteils ab und sind eine wichtige Institution des nachbarschaftlichen Miteinanders. Außerdem spielen der Sportverein sowie die Kirchengemeinden eine wichtige Rolle. Die zivilgesellschaftlichen Strukturen sorgen auch dafür, dass die Elsener Bevölkerung sich bis heute stark mit dem Stadtteil identifiziert.

Anfänge digitaler Vernetzung der Nachbarn
Klaus Gröbing ist ein Pionier der digitalen Vernetzung in Elsen. Bereits ab 2004 baute der nebenberufliche Programmierer, der etliche Jahre selbst in Elsen lebte, die Plattform elsen-aktuell.de auf. Sie diente der Information über das Vereinsleben und Veranstaltungen und war bei alteingesessenen Elsenern wie neu Hinzugezogenen, die Anschluss suchten, beliebt. Außerdem machte der Hobbyfotograf über Jahre hinweg bei lokalen Veranstaltungen Fotos, die er online zur Verfügung stellte. Doch in den letzten Jahren konnte Gröbing die Kosten der Plattform und den Zeitaufwand, den der Schutz vor Hackerangriffen verlangt, nicht mehr ehrenamtlich aufbringen.

Paderborn als digitale Stadt
Im Hinblick auf die Verbindung von analogem und digitalem Leben weist die Region rund um Paderborn eine interessante Besonderheit auf. Zwischen Elsen und Paderborn eröffneten 1968 die Werke des Computerherstellers Nixdorf. Seither hat Paderborn sich zu einem wichtigen Standort der IT-Branche entwickelt. Es gibt viele Arbeitsplätze im IT-Bereich, zudem befindet sich in Paderborn das größte Computermuseum der Welt. Im Frühjahr 2017 qualifizierte die Stadt sich für die Endrunde des vom Digitalverband Bitkom und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund ausgerufenen Wettbe-werbs „Digitale Stadt“. Aufgrund dieser Gegebenheiten bescheinigten unsere Interviewpartner der lokalen Bevölkerung eine besondere Offenheit für digitale Technologien. Es sei in Elsen quasi selbstverständlich, die Vorteile digitaler Medien zu nutzen. Gröbing betont, dass Internetplattformen besonders nützlich sein können für Personen, die Zugang zu den lokalen Strukturen und Vereinen suchen.

Analoges Ehrenamt spielt nach wie vor eine große Rolle, aber dennoch ziehen durch Globalisierung und Digitalisierung angestoßene Entwicklungen an Elsen nicht spurlos vorbei
Dennoch machen sich gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie die Beschleunigung des Lebens durch vollere Terminkalender und längere Schul- und Arbeitstage auch in Elsen bemerkbar. Franz Kürpick vom HVV berichtet, dass es immer schwerer werde, Personen langfristig an Engagement zu binden, besonders wenn es mit Verantwortung einhergeht. Rolf-Dieter Müller bestätigt diese Einschätzung und erklärt, dass sich viele Personen heute lieber projektbezogen engagieren.

Neue Anläufe für die digitale Vernetzung in Elsen?
Vor diesen Hintergründen taucht momentan ein neuer digitaler Akteur auf. Ende April ist die Plattform Lokalportal, die eng mit der Lokalzeitung Neue Westfälische zusammenarbeitet, in Elsen gestartet. Sie möchte alle für die Nachbarschaft relevanten Informationen an einem Ort bündeln und Bürger/innen, Vereine, Gewerbetreibende, lokale Reporter/innen sowie auch politische Vertreter/innen digital zusammenbringen. Die Plattform versteht sich insofern als ein Hybrid aus Lokaljournalismus, der sich an die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anpasst, und Bürgerbeteiligungsplattform, die es erlaubt lokale Neuigkeiten in Echtzeit zu kommentieren und diskutieren.

Bei einer Informationsveranstaltung im Bürgerhaus reagierten die ca. 30 anwesenden Elsener Bürger/innen und Vereinsvertreter/innen mit zahlreichen technischen und kritischen Nachfragen, die sich letztlich jedoch größtenteils im Interesse an der Plattform und ihren Möglichkeiten auflösten. Aktuell zählt Lokalportal in Elsen 190 Mitglieder. Inwiefern die Nachbarschaft das digitale Werkzeug eigenständig nutzen wird und ob es die lokalen Strukturen ergänzen kann, wird sich mit der Zeit zeigen.

Nachdem wir uns einen ersten Eindruck der analogen und digitalen Strukturen in Elsen verschafft haben, werden wir in den nächsten Monaten immer wieder vor Ort sein.