Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis

Die vielfältigen Verwendungszwecke und dynamischen Entwicklungen von lokalbezogenen digitalen Medien machen deutlich, dass digitale Werkzeuge ein wichtiger Bestandteil von Nachbarschaft geworden sind. Es ist absehbar, dass sich soziale Vernetzung und öffentliches Leben in Nachbarschaften auch zukünftig „hybrid“ organisieren werden. Daher sollten Kommunalverwaltungen sowie praktische Gemeinwesenarbeit digitale Räume vermehrt berücksichtigen.

Identifikation und Nutzung lokaler, digitaler Infrastruktur
Für lokale Verwaltungen und Einrichtungen gilt zunächst, vorhandene lokale Nachbarschaftsplattformen, Facebookgruppen und sonstige digitalen Medien, die bereits von Anwohner*innen genutzt werden, zu identifizieren. Viele Einrichtungen betreiben zwar bereits eine eigene Seite in sozialen Medien, erreichen damit aber noch verhältnismäßig wenige Bürger*innen. Daher kann es hilfreich sein, bereits stark frequentierte Plattformen und digitale Kanäle zu verfolgen und aktiv zu nutzen.
Die Ergebnisse der Studien haben gezeigt, dass lokalbezogene digitale Medien für Akteure der Gemeinwesenarbeit und andere lokale Einrichtungen ein effektives Mittel bieten können, um auf eigene Angebote aufmerksam zu machen. Dabei sollten soziale Medien konventionelle Formen der Öffentlichkeitsarbeit jedoch nicht ersetzen, um auch Bürger*innen, die nicht online sind, zu erreichen.

Neben der Verbreitung und Sichtbarmachung eigener Angebote, bieten lokale Gruppen in digitalen Medien wichtige Einblicke in die Befindlichkeiten und Bedürfnisse vor Ort und erleichtern die Kommunikation zwischen Bürger*innen und Kommunalpolitik sowie anderen Einrichtungen. Diesen Vorzug der digitalen Kommunikation sollten Verwaltungen nutzen, indem sie sich auf digitalen Plattformen und sozialen Medien ansprechbar zeigen. Beispiele dafür sind Fragestunden zu aktuellen Themen per Chat, Beteiligung an Diskussionen in Kommentarspalten oder schnelle, unkomplizierte Antworten auf private Nachrichten.

Kooperation zwischen digitalen Plattformen und lokalen Akteuren
Die sich ständig wandelnde und zunehmend diversifizierende Landschaft an digitalen Plattformen mit Nachbarschaftsbezug stellt für lokale Einrichtungen sowie Politik und Verwaltung allerdings auch eine Herausforderung dar, denn die Frage, auf welchen Plattformen sich eine verstärkte Teilnahme lohnt, lässt sich nicht immer einfach beantworten. Die Tatsache, dass digitale Nachbarschaftsplattformen häufig in einem konkurrierenden Verhältnis zu einander stehen, erschwert diese Entscheidung zusätzlich. Da das Bespielen digitaler Plattformen für lokale Verwaltungen und Einrichtungen jedoch einen nicht unerheblichen Mehraufwand bedeutet, ist es wichtig, dass die Vor- und Nachteile der jeweiligen Plattformen bekannt sind.
Für die Betreiber digitaler Plattformen ergibt sich daraus die Aufgabe, auf lokale Einrichtungen (z.B. Quartiersmanagements) und zivilgesellschaftliche Akteure vor Ort stärker zuzugehen und den Austausch mit ihnen zu suchen. Zudem muss ein Weg gefunden werden, dass sich Anwohner*innen durch die Anwesenheit von Institutionen im digitalen Diskussionsraum nicht kontrolliert fühlen. Bei der Weiterentwicklung von Profilen für Institutionen ist daher in Erwägung zu ziehen, ob diese z.B. nur eingeschränkte Lese- und Kommentarfunktionen erhalten.

Lokaljournalismus
Die Untersuchungen haben ebenfalls gezeigt, dass sich viele Bewohner*innen nach lokalen und persönlichen Geschichten aus dem alltäglichen Leben sehnen. Lebensnaher Lokaljournalismus mit „hyperlokalem“ Bezug zum Stadtteil oder zur Nachbarschaft setzt an diesem Bedürfnis an und kann die lokale Identität stärken.
Betreiber digitaler Plattformen sowie lokale Einrichtungen sollten sich dem Wunsch nach Berichterstattung und Kommunikation „auf Augenhöhe“ stärker annehmen, indem sie beispielsweise Leser*innen beim Sammeln solcher Geschichten vermehrt einbinden. Dadurch können nicht nur Bedürfnisse, Ängste und Erfahrungen sichtbar gemacht werden, gleichsam fühlen sich die Personen auch mehr gehört.

Moderation
In Anbetracht der Zunahme rechtspopulistischer oder hasserfüllter Kommentare in einigen Online-Diskussionsgruppen mit lokalem Bezug sollten Verwaltungen und Zivilgesellschaft den digitalen Sozialraum stärker in die politische Bildungsarbeit und Demokratieförderung vor Ort einbeziehen. Dies kann durch moderierende Eingriffe sowie klare Stellungnahmen und Zurückweisungen von Hassreden auf digitalen Medien von offizieller Seite geschehen. Gleichsam ist es wichtig, Hilfestellungen und Weiterbildungsangebote zu schaffen, die vermitteln, wie mit rechten Argumenten in der Nachbarschaft und im Netz am konstruktivsten umgegangen werden kann.

Digitale Kompetenz verbessern
Der Einsatz sozialer Medien zur Information und zur Anregung von Vernetzung und Austausch in der Nachbarschaft ist nur erfolgreich, wenn Mitarbeitende von Verwaltungen und lokalen Einrichtungen mit den Funktionsweisen und aktuellen Kommunikationstrends der digitalen Plattformen vertraut sind. Oft fehlt es Einrichtungen an diesen Kompetenzen sowie an der erforderlichen Zeit, um verschiedene digitale Kanäle zu bespielen. Daher sind die Allokation zusätzlicher Ressourcen für die digitale Vernetzung und Schulungen von Mitarbeitenden empfehlenswert.
Gleichzeitig müssen die Plattformbetreiber dafür Sorge tragen, dass sie ein möglichst intuitiv bedienbares Plattformdesign zur Verfügung stellen, das eine breite Zielgruppe anspricht und u.a. für Personen ohne ausgeprägte Deutschkenntnisse oder digitale Kompetenzen zugänglich ist. Ein gutes Beispiel ist die Plattform Lokalportal, die in Elsen Sprechstunden für Vereine anbietet, die ihre Angebote auf der Plattform platzieren wollen, und zudem in der Anfangsphase auch für Bürger*innen stets erreichbar waren.

Zukünftige Entwicklung der Plattformen
Digitale Plattformen haben das Potential, den sozialen Zusammenhalt in Nachbarschaften zu fördern. Daher ist die weitere Entwicklung von Nachbarschaftsplattformen und digitalen Medien ein wichtiges Thema. Es gilt zu hinterfragen, wie die nachhaltige Finanzierung und Bereitstellung dieser Plattformen gewährleistet werden kann und welche Risiken der unternehmerische Ansatz von Plattformen wie nebenan.de birgt, etwa im Fall eines Verkaufs an Konkurrenten. Vor diesem Hintergrund sollten der Bund, die Länder und Kommunen prüfen, ob Angebote, wie beispielsweise öffentlich finanzierte Plattformen oder die Vision digitaler „commons“ eine sinnvolle Alternative wären.

Abschließend kann festgehalten werden, dass die aktuelle mediale Aufmerksamkeit für das Thema Nachbarschaft im Allgemeinen und für digitale Nachbarschaftsplattformen im Besonderen demonstriert, dass sich die Studie Fragestellungen widmete, die auf breites Interesse stoßen. Ihre Ergebnisse berühren verschiedene aktuelle Debatten über die Zunahme gesellschaftlicher Polarisierung in Deutschland, dem Erstarken des Rechtspopulismus und den Potenzialen und Risiken von Beteiligungsmöglichkeiten im digitalen Raum, die einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Gleichzeitig hält das Thema noch großen Forschungs- und Handlungsbedarf bereit, der - angesichts der Aktualität und Schnelllebigkeit – rasches Handeln erfordert.

 

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