Fazit

Der Studie gelang es, mithilfe einer Fülle von empirischen Daten erstmalig ein umfassendes Bild von der Landschaft digitaler Plattformen mit Nachbarschaftsbezug zu zeichnen sowie ein Verständnis für die Wirkungen von digitalen Medien auf das soziale Miteinander in Quartieren zu entwickeln.

Nutzertypen digitaler Medien und Nachbarschaftsplattformen
Zwar kann die Studie keine repräsentativen Aussagen über die Nutzer*innen digitaler Nachbarschaftsplattformen treffen, dennoch liefert sie einige Hypothesen über typische Nutzer*innen und deren Motivationen.
In Großstädten greifen häufig Personen mit begrenztem lokalem Sozialkapital auf Nachbarschaftsplattformen zurück. Besonders in Quartieren, die als anonym empfunden werden, dienen sie der Kompensation mangelnder öffentlicher Begegnungsorte. Viele der Nutzer*innen sind Alleinstehende und/oder Zugezogene. Auch Personen, die aufgrund eingeschränkter Mobilität stärker an den Wohnort gebunden sind, nutzen diese Medien verstärkt. Weiterhin verwenden viele zivilgesellschaftlich Engagierte, die sich weiter vernetzen wollen und Mitstreiter*innen suchen, digitale Medien mit Nachbarschaftsbezug.
Die befragten Nutzer*innen sind zwischen 25 und 70 Jahre alt. Ihr Altersdurchschnitt liegt mit Mitte 40 deutlich über anderen sozialen Medien. Mit Blick auf die Milieuzugehörigkeit wird deutlich, dass lokalspezifische, digitale Medien nicht alle Milieus gleichermaßen erreichen. In den großstädtischen Untersuchungsgebieten sind Mittelschichtsangehörige mit hohem Bildungsniveau und moderner Grundorientierung im Vergleich zum Quartiersdurchschnitt überrepräsentiert. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass bisher vor allem sogenannte „early adopters“ Nachbarschaftsplattformen für sich entdeckt haben.

Digitale Medien und Gemeinschaft
Die Untersuchung bekräftigt, dass sich digitale und analoge Interaktionsformen in der Nachbarschaft zusehends vermischen, sodass von „hybriden Netzwerken“ gesprochen werden kann. Für den sozialen Zusammenhalt im Quartier gilt grundsätzlich, dass digitale Medien sowohl Inklusionspotentiale bieten als auch Exklusionsmechanismen verstärken können.
Nachbarschaftsplattformen und lokalbezogene digitale Medien sind ein Katalysator für nachbarschaftliche Vernetzung. Sie machen die Angebote lokaler Akteur*innen leichter zugänglich und senken die Hemmschwelle, mit Nachbar*innen in Kontakt zu treten. Indem sie das Entstehen sehr loser sozialer Kontakte befördern, können Nachbarschaftsplattformen zur Ausweitung des sozialen Netzwerks und milieuübergreifenden Beziehungen beitragen. Damit bieten sie das Potential, den Zusammenhalt auf sozialräumlicher Ebene zu fördern.
Zudem vereinfachen diese Plattformen die Identifikation von Gleichgesinnten und das Bilden von lokalen Interessengruppen. Ist der Erstkontakt hergestellt, entwickeln sich auf Basis geteilter Interessen und Wertvorstellungen teilweise auch festere soziale Bindungen. Allerdings ist Gruppen- und Gemeinschaftsbildung über digitale Plattformen kein Selbstläufer, sondern fußt oft auf dem Engagement von Einzelpersonen – sogenannten „Kümmerern“.
Nachbarschaftsplattformen und digitale Medien befördern zudem die lokale Identifikation. Bereits kurze Begegnungen für zweckmäßige Tausch- oder Unterstützungsleistungen vermitteln ein Gefühl von gegenseitiger Hilfsbereitschaft und nachbarschaftlicher Verbundenheit, welche viele besonders in den großstädtischen Quartieren vermissen.
Zugleich können digitale Medien aber auch bestehende Spannungen und soziale Grenzziehungen verstärken. So können sie die Bindungen zwischen Personen mit ähnlichen sozialen Merkmalen stärken („bonding social capital“), während als „Andere“ markierte Anwohner*innen bewusst ausgeschlossen werden. In einem kleinstädtischen Kontext, in dem bereits ein dichtes soziales Netzwerk besteht, können digitale Medien zudem eine Verstärkung vorhandener Konflikte und Rekonfiguration von sozialen Bindungen bewirken.

Digitale Medien und lokale Demokratie
Sowohl der lokale Kontext als auch die Art der digitalen Plattformen beeinflussen, welche Rolle politische Debatten einnehmen und wie diese geführt werden. Auf Nachbarschaftsplattformen wie nebenan.de spielen (kommunal-)politische Themen fast gar keine Rolle, zudem herrscht dort in der Regel ein freundlicher, höflicher Umgangston. Teilweise halten Nutzer*innen die digitale Plattform bewusst unpolitisch, weil sie den sozialen Raum für Gemeinschaftsbildung nicht gefährden wollen.
In lokalen Facebookgruppen kommen politische Themen hingegen häufiger zur Sprache, dabei entwickeln sich teils hitzige Diskussionen. Vor allem dort, wo die politische Stimmungslage bereits gereizt ist, sind in den lokalbezogenen sozialen Medien auch rechtspopulistische Stimmen stark vertreten. Ohne Gegenstimmen oder moderierende Eingriffe können digitale Medien damit zur Normalisierung derartiger Positionen beitragen. Demokratiefördernde Arbeit lokaler Akteur*innen sollte daher verstärkt nicht nur vor Ort, sondern auch im digitalen Raum ansetzen.
Zugleich können digitale Plattformen jedoch auch Raum für konstruktiven Austausch bieten und als „Stimmungsanzeiger“ für lokale Themen und Bedürfnisse fungieren. Für lokale Akteur*innen wie Quartiersmanagements und Kommunalverwaltungen können Online-Diskussionen wichtige Anhaltspunkte liefern, zudem können digitale Medien die Kommunikation mit Bürger*innen erleichtern. Besonders lebensnaher Lokaljournalismus mit „hyperlokalem“ Bezug zum Stadtteil oder zur Nachbarschaft kann als Impulsgeber für differenzierte Meinungsäußerungen aus der Bevölkerung dienen und zugleich die lokale Identität fördern.
Die Untersuchung zeigte, dass Nachbarschaftsplattformen und digitale Medien lokale Angebote und Engagementmöglichkeiten stärker sichtbar und damit leichter zugänglich machen. Institutionen, die nachbarschaftliche Vernetzung und Beteiligung stärken wollen, können durch die Verwendung digitaler Medien ihr Publikum diversifizieren. Bei einigen Akteur*innen gibt es in diesem Bereich allerdings noch Aufholbedarf.

 

Lesen Sie im nächsten Kapitel unsere Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis!

Einen detaillierteren Einblick in die Ergebnisse erhalten Sie im Endbericht (als PDF zum Herunterladen).